Ladyhawke im Interview:
“Wer weibliche Musiker komisch findet, ist selber komisch”

Pip Brown aka Ladyhawke hat sich nach dem gleichnamigen Film mit Michelle Pfeiffer aus dem Jahr 1985 benannt. Wenn man ihr gegenüber sitzt, muss man eher an eine frühere Rolle der Schauspielerin denken, und zwar an Elvira Hancock aus dem Film Scarface. Sie haut Tony Montana die hübsche Zeile “Don’t call me ‘Baby’. I’m not your ‘Baby’!” an den Kopf.

Als sie 2008 ihr Debütalbum herausbrachte, fühlte sie sich ziemlich missverstanden. Vor allem durch die Art, wie die Musikindustrie und das Publikum weiblichen Künstlern gegenübersteht.

“Als ich anfing, schrieb jemand, ich sei die Cindy Lauper der American Apparel Generation. Weiter daneben könnte man gar nicht liegen! Ich bin nicht dieses Pop-Girl, ich habe lange in Punk-Bands gespielt. Weil ich ein Mädchen bin, hatte ich das Gefühl, viel mehr beweisen zu müssen.”

Jetzt hat sie ihr zweites Album “Anxiety” herausgebracht, das etwas gitarrenlastiger und rauer ist als der Vorgänger.

- Anxiety von Ladyhawke jetzt anhören

Wir sprachen mit Pip Brown aka Ladyhawke über russische Verzerrer-Pedale, warum sie sich weigert, High Heels zu tragen, und wie es ist, private Twitternachrichten von ihrem Idol Courtney Love zu bekommen.

Was hat es mit den verzerrten Gitarren auf sich?

“Als ich über mein zweites Album nachdachte, wusste ich genau, welchen Gitarrensound ich dafür wollte. Als Teenager hatte ich so ein großes grünes Pedal namens Big Muff aus Russland. Das benutzte man damals, um diesen grungigen Sound zu erzeugen. Genau diesen Sound wollte ich haben.”

Was brachte dich dazu, die Gitarren so in den Vordergrund zu stellen?

Das kommt durch mein altes Zimmer in Neuseeland. Ich wohne da schon sieben oder acht Jahre nicht mehr, aber vor einer Weile habe ich meine Eltern besucht und dort übernachtet. Das war total toll, weil ich meine ganze alte Musik wiederentdeckt habe, vor allem Gitarrenmusik. Hole, Nirvana, vieles von Soundgarden, Stone Temple Pilots, Hendrix, David Bowie, Joan Jett, Garbage, Beck. Letztendlich eine Mischung aus Gitarrenmusik der 70er und 90er. Das war echt cool.

Dein Album wurde aus strategischen Gründen später als ursprünglich geplant veröffentlicht. Überhaupt passiert in der Industrie sehr viel, das nichts mit der eigentlichen Musik zu tun hat.

“Es ist verrückt. Ich versuche, mich davon abzuschotten und ich selbst zu bleiben. Aber es ist schon eigenartig, wenn Labels über die Musik als wir sprechen. ‘Unser Album kommt raus’ und ‘Wir müssen für Umsatz sorgen’. Es ist echt krass, wenn andere über mich wie über ein Produkt reden. Und das direkt vor meiner Nase! Ich bin ein Mensch, Leute.”

Am Anfang wurdest du mit anderen Solo-Künstlerinnen wie La Roux, Little Boots und Florence + the Machine in einen Topf geworfen.

“Mein erstes Album unterschied sich definitv von diesen Künstlern, also frustrierte mich das ziemlich. Ich bin nicht so wie in den Artikeln beschrieben. Die Leute wussten gar nichts über mich und erst nach zwei Jahren Tour haben sie es verstanden. Ich denke, ich war live ganz anders als sie erwartet haben. Ich bin eigentlich eher ein Tomboy. Das geht aber einigen so, wir stehen alle den Erwartungen entgegen.”

Fühlst du dich anders behandelt, weil du als Frau Musik machst?

“Es scheint, als müsste ich mich mehr anstrengen, um ernst genommen zu werden. Wenn ein Mann ein Album veröffentlicht, nehmen alle an, er steht selbst dahinter. Bei mir denken sie generell das Gegenteil. Es ist also schon schwieriger. Ja, ich bin Songwriterin! Ich schreibe meine Musik selbst!
Es treibt mich aber auch an. Ich habe immer das Bedürfnis, mich zu beweisen und arbeite sehr hart. Es ist wie ein Feuer im Bauch, das mich vorantreibt. Wenn mich jemand dann live sieht, wird ihm klar, dass ich wirklich spielen kann.”

Sind Frauen in der Musik mehr Vorurteilen ausgesetzt als Männner?

“Wenn es eine reine Frauenband ist, sagen alle ‘Oh, krass! Es sind alles Mädchen!’ Wenn es nur Jungs sind, ist das ganz normal. Es ist eben eine Band. Diese geistige Haltung der Leute muss sich ändern. Wer weibliche Musiker komisch findet, ist selber komisch. Das geht schon viel zu lange so.”

Ich habe gelesen, dass Stylisten dich oft in High Heels stecken wollen, du das aber ablehnst. Warum?

“Ich würde nie High Heels tragen. Ich fühle mich nur wohl, wenn ich mir selber treu bleibe. Meine Bühnenklamotten sind meine eigenen. Doc Martens, Jeans und eine Lederjacke. Das letzte Kleid, das ich getragen habe, war meine Schuluniform. Ich fühle mich in Kleidern einfach nicht wohl.
Es kränkt mich, wenn Leute mich verkleiden wollen. Ich bin ein starker Charakter und muss keine schicken Klamotten tragen. Ich denke, ich kann auch so etwas ausdrücken. Außerdem geht es ja nur um mein eigenes Image und ich repräsentiere nur mich selbst. Nicht den Stylisten, nicht das Label oder das Magazin. Wenn, dann enttäusche ich nur mich selbst. Man sollte andere Leute nicht über sich bestimmen lassen.

Drei Alben, die “Anxiety” inspiriert haben

The Zombies – Odessey & Oracle Jetzt in WiMP anhören
“Es ist ziemlich psychedelisch und hat wunderschöne Melodien. Ein echt cooles Album. Ungefähr einen Monat bevor ich mit meinem Album angefangen habe, hab ich es mir auf Vinyl gekauft.”

Jefferson Airplane – Surrealistic Pillow Jetzt in WiMP anhören
“Ich liebe Grace Slicks Stimme. Sie ist sehr intensiv und klingt doch nonchalant. Coole Musik und sehr trippy.”

Hole – Pretty on the Inside Jetzt in WiMP anhören
“Das Album lief bei mir ständig. Ich habe es schon als Teenager gehört. Courtney Love schrieb mir einmal als Privatnachricht auf Twitter, dass ihr mein erstes Album gefällt. Oh mein Gott, ich bin so ein Fan von ihr!”

Das Interview führte Niklas Krigslund.

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